Als Igor de Camargo im Sommer 2010 für 4 Millionen Euro an den Niederrhein wechselte, hat er sich mit Sicherheit nicht vorstellen können, an einem kalten Wintertag, knapp anderthalb Jahre später, in Berlin als Buhmann der deutschen Fußballnation am Pranger zu stehen. Und doch kam es so. Doch wie konnte das geschehen? Schauen wir zurück.
De Camargo wechselt mit der Erfahrung von knapp 200 Ligaspielen von Belgien nach Mönchengladbach. Er war kein ausgewiesener Torgarant (traf aber immerhin im Schnitt jedes vierte Spiel), aber auch kein körperliches Wrack, das bei jeder Berührung zusammenbricht. Und vor seiner Zeit in Mönchengladbach sah er nie eine rote Karte im professionellen Fußball. Er spielte solide.
Wie konnte dann also aus dem rechtschaffenden Stürmer der “Betrüger” de Camargo werden? Entführung durch Außerirdische? Hitzeschlag? Spontaner Milcheinschuss?
Eigentlich ist die Lösung ganz einfach. Der Mann gibt auf sich acht. Gerade mal 31 Spiele hat er für die Borussia absolviert. Und das, bei einer Ablösesumme von schon erwähnten 4 Millionen Euro. De Camargo weiß das. Und um nicht erneut auszufallen und seinem Verein damit auch finanziellen Schaden zuzufügen, versucht er sich zu schützen.
In der vergangenen Saison gegen St. Pauli schützte er noch aktiv – wir erinnern uns an das hinterhältige Foul des Hamburgers Matthias Lehmann, bei dem sich de Camargo hernach erkundigte, ob er noch alle Latten am Zaun habe. Dieser quittierte mit grenzdebilem Kopfschütteln nach vorne und brach zusammen. De Camargo musste duschen gehen. Inzwischen versucht er, passiv gegen die Angriffe seiner Feinde vor zu gehen.
Kommt also zum Beispiel ein wild gewordener (Berliner) Verteidiger hemdsärmelig und wutschnaubend auf ihn zu gerannt, muss de Camargo in der Regel fliehen. Im Pokal-Viertelfinale hat das nicht funktioniert. Wie bei einem Reh, das in die Scheinwerfer der heran nahenden LKW starrt, verharrte der Stürmer wartend.
Erst als der Verteidiger nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war, fand er seine Bewegungsfähigkeit wieder. Zum weglaufen viel zu spät. Es blieb nur noch eine Lösung. Sofortiges Eingraben im Strafraum. Das wiederum scheiterte an den grausigen Berliner Temperaturen und Bodenverhältnissen – der FC Bayern wäre auf so einem Acker nicht angetreten und auch der BVB hätte sich geweigert auf zu laufen.
Und so konnte de Camargo nur noch dahinsinken, wie vom Blitz getroffen. Schutzhand gibt es nicht, aber das hier war eine Schutzschwalbe. Und wenn man die Bilder noch einmal ganz genau betrachtet, dann sieht man, dass selbst diese Aktion sinnlos war. Der Verteidiger hatte de Camargo schon erwischt. Hinterhältig wie dereinst Jermaine Jones trat er dem Stürmer auf den Fuß. Die Schutzschwalbe hatte versagt.
Wollen wir hoffen, dass es de Camargo gut geht und er sich bei der Aktion nicht noch eine Prellung am Steißbein zugezogen hat – bei dem Boden…eine Schutzschwalbe macht eben noch keinen Sommer.


