Schutzschwalbe

•09/02/2012 • 2 Kommentare

Als Igor de Camargo im Sommer 2010 für 4 Millionen Euro an den Niederrhein wechselte, hat er sich mit Sicherheit nicht vorstellen können, an einem kalten Wintertag, knapp anderthalb Jahre später, in Berlin als Buhmann der deutschen Fußballnation am Pranger zu stehen. Und doch kam es so. Doch wie konnte das geschehen? Schauen wir zurück.

De Camargo wechselt mit der Erfahrung von knapp 200 Ligaspielen von Belgien nach Mönchengladbach. Er war kein ausgewiesener Torgarant (traf aber immerhin im Schnitt jedes vierte Spiel), aber auch kein körperliches Wrack, das bei jeder Berührung zusammenbricht. Und vor seiner Zeit in Mönchengladbach sah er nie eine rote Karte im professionellen Fußball. Er spielte solide.

Wie konnte dann also aus dem rechtschaffenden Stürmer der “Betrüger” de Camargo werden? Entführung durch Außerirdische? Hitzeschlag? Spontaner Milcheinschuss?

Eigentlich ist die Lösung ganz einfach. Der Mann gibt auf sich acht. Gerade mal 31 Spiele hat er für die Borussia absolviert. Und das, bei einer Ablösesumme von schon erwähnten 4 Millionen Euro. De Camargo weiß das. Und um nicht erneut auszufallen und seinem Verein damit auch finanziellen Schaden zuzufügen, versucht er sich zu schützen.

In der vergangenen Saison gegen St. Pauli schützte er noch aktiv – wir erinnern uns an das hinterhältige Foul des Hamburgers Matthias Lehmann, bei dem sich de Camargo hernach erkundigte, ob er noch alle Latten am Zaun habe. Dieser quittierte mit grenzdebilem Kopfschütteln nach vorne und brach zusammen. De Camargo musste duschen gehen. Inzwischen versucht er, passiv gegen die Angriffe seiner Feinde vor zu gehen.

Kommt also zum Beispiel ein wild gewordener (Berliner) Verteidiger hemdsärmelig und wutschnaubend auf ihn zu gerannt, muss de Camargo in der Regel fliehen. Im Pokal-Viertelfinale hat das nicht funktioniert. Wie bei einem Reh, das in die Scheinwerfer der heran nahenden LKW starrt, verharrte der Stürmer wartend.

Erst als der Verteidiger nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war, fand er seine Bewegungsfähigkeit wieder. Zum weglaufen viel zu spät. Es blieb nur noch eine Lösung. Sofortiges Eingraben im Strafraum. Das wiederum scheiterte an den grausigen Berliner Temperaturen und Bodenverhältnissen – der FC Bayern wäre auf so einem Acker nicht angetreten und auch der BVB hätte sich geweigert auf zu laufen.

Und so konnte de Camargo nur noch dahinsinken, wie vom Blitz getroffen. Schutzhand gibt es nicht, aber das hier war eine Schutzschwalbe. Und wenn man die Bilder noch einmal ganz genau betrachtet, dann sieht man, dass selbst diese Aktion sinnlos war. Der Verteidiger hatte de Camargo schon erwischt. Hinterhältig wie dereinst Jermaine Jones trat er dem Stürmer auf den Fuß. Die Schutzschwalbe hatte versagt.

Wollen wir hoffen, dass es de Camargo gut geht und er sich bei der Aktion nicht noch eine Prellung am Steißbein zugezogen hat – bei dem Boden…eine Schutzschwalbe macht eben noch keinen Sommer.

Ich muss Anke Gröner schlagen!

•19/01/2012 • 2 Kommentare

„Anke Gröner hat das Buch in zwei Tagen durchgelesen.“ – das war ungefähr der zweite Satz, den ich hörte, nachdem ich am vergangenen Montag mein Weihnachtsgeschenk in Händen hielt. Man muss dazu anmerken, dass Anke Gröner für die Schenkerin in etwa das ist, was Gott für jeden handelsüblichen Christen oder Michael Jordan für den geneigten Basketballfan meines Alters ist.

„Gentlemen, wir leben am Abgrund“ heißt besagtes Buch von Thomas Pletzinger und es ist die Geschichte der letzten Saison von ALBA Berlin. Dem Klassenprimus des deutschen Basketballs, dem Erzrivalen der Bonner Telekom Baskets und eigentlich jedes anderen Clubs der Beko BBL. ALBA hat Geld, ALBA hat eine riesige Arena und ALBA kommt aus der Hauptstadt. Da kann alles andere nur zweitklassig sein.

Das reizt. Genau wie der „Anke Gröner Spruch“ beim Beschenkungsakt. Mein sportlicher Ehrgeiz war geweckt. „Ich muss Anke Gröner schlagen“! Und das nicht, weil sie mir in irgendeiner Art und Weise unsympathisch wäre, ganz im Gegenteil. Aber dass Frau Gröner, als Fan der Münchener Schickeria, ein Buch über meinen – zumindest mit dem Fußball gleichberechtigten – Lieblingssport  schneller verschlingen könnte, als ich selbst, das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen.

Noch am späten Montagabend begann ich mit der Lektüre. Und schnell wurde mir klar, dass ich das schaffen könnte. Dieses Buch nahm mich sofort gefangen. Thomas Pletzinger ist mitten drin, statt nur dabei. Er beschreibt unglaublich genau, wie akribisch Trainer arbeiten, wie schmerzhaft eine Saisonvorbereitung für die Spieler ist und was ein Manager alles bedenken muss, wenn die neue Spielzeit vor der Türe steht. Er ist mit dabei, wenn es auf stundenlange Auswärtsfahrten geht, sitzt bei den Ansprachen der Trainer in der Kabine und sucht einen sauberen Platz in der Bamberger Umkleidestätte. Eine Saison lang durfte er Teil des Teams sein. Auf Achse, immer. Ein Jugendtraum, sicher nicht nur seiner. ALBAs Center-Legende Patrick Femerling beschreibt es so: „Das Ganze ist eine Verlängerung der Jugend nach hinten heraus. Eine sehr, sehr lange Klassenfahrt.“ So liest es sich auch.

Von einer kurzen Hochschulpause abgesehen (eigentlich beschränkte sich die Pause auf die Fahrt zur Hochschule hin und wieder von ihr fort – elendige Straßenverkehrsordnung), widmete ich mich knapp zwei Tage fast unablässig der Lektüre. Der sportliche Ehrgeiz war längst verflogen und reiner Freude am Lesen gewichen. Und doch kann ich sagen: ich habe es geschafft! In your face! Weniger als 48 Stunden! Den Bayernfan zwar nicht deklassiert, aber distanziert.

Meine Recherchen ergaben im Nachhinein, dass Anke Gröner wohl selbst gar mindestens drei Tage gebraucht haben könnte. Zumindest lassen das  Twitter- und Blogeinträge vermuten. Das aber ist mir völlig egal. Ich hätte mich auch gefreut, hätte ich sieben oder vierhundertzwanzig Tage gebraucht. Das würde nämlich bedeuten, dass ich noch zahlreiche Tage exquisiten Lesevergnügens vor mir hätte.

Ich bedanke mich herzlich bei Anke Gröner, schließlich kam besagte Schenkerin wohl nur durch ihr Blog auf dieses unglaublich gute Buch. Und ich danke der Schenkerin für dieses Geschenk!

Tolles Buch! Kaufen! Alle!

P.S.: Am Freitag werde ich Anke Gröner übrigens leider schon wieder schlagen. Die Münchener Bayern müssen zum Rückrundenauftakt bei meinem Verein antreten. Diesmal im Fußball.

 
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