Kampf, Herz und Tränen

Wenige Minuten nach dem Abpfiff war es, als hätten die Telekom Baskets gerade das Halbfinale der diesjährigen Deutschen Meisterschaft erreicht: die Fans feierten auf den Rängen und mit ihnen das komplette Team. Einer nach dem anderen hatte sich nach vierzig harten Spielminuten in den Oberrang geschleppt, um sich zu bedanken. Bedanken für die Unterstützung von rund 700 mitgereisten Baskets-Fans. 700 Fans bei einem Auswärtsspiel in der Beko Basketball Bundesliga. Eine Zahl die der ein oder andere Fußball-Bundesligist nicht mobilisieren kann, wenn es in die Fremde geht.

Doch die Baskets haben es geschafft. Vier prall gefüllte Doppeldeckerbusse machten sich an diesem Samstag auf den Weg nach Oldenburg, um ein Team zu unterstützen, dass am Anfang der Saison schon fast in Ungnade gefallen war, dann aber Nackenschlag um Nackenschlag wegsteckte, um sich mit Kampfgeist und unbändigem Willen die Gunst der Bonner Basketballfans zurück zu erobern. Angeführt vom genialen Passgeber Jared Jordan, über Rookie Kyle Weems, der Gegner und Anhänger immer wieder kopfschüttelnd auf dem Feld zurückließ, der wohl besten Nachverpflichtung der Baskets-Geschichte, Jamel McLean, der ein Kämpferherz an den Tag legte, vor dem ein Rudel Löwen sich vor Angst ins Fell gemacht hätte, bis hin zu Benas Veikalas, dem litauischen Dreier-Uhrwerk, das Distanzwurf um Distanzwurf versenkte – unterstützt durch die deutschen Rollenspieler, die viel mehr als das waren und einem Routinier, sich voll und ganz in den Dienst der Mannschaft stellte. Ob er spielte oder nicht, Chris Ensminger tat, was ihm möglich war. Er motivierte die Jungen, gab auf dem Feld alles und gab Tipps, wo es nur ging.

Dass es seine letzte Saison als Aktiver werden würde, mochte manch einer geahnt haben, klar wurde es erst zwei Tage nach dem Ausscheiden – Ensminger wechselt ans andere Ende der Bank und übernimmt die Rockets aus Gotha als Cheftrainer. Man kann sowohl Verein, als auch Ensminger nur gratulieren. Die Rockets bekommen einen Mann, der gefühlte vierzig Jahre Bundesligaerfahrung vorweisen kann und Ensminger darf direkt nach Abschluss seiner aktiven Karriere die Verantwortung für einen Zweitligisten übernehmen.

Die Verantwortung für die Zusammenstellung des Baskets-Teams hat seit vielen Jahren Mike Koch. In diesem Jahr schien es so, als hätte der Fehlgriff Patrick Ewing Jr. ihn fast den Job gekostet. Kurz bevor Fans und Verein der Kragen platzte, musste Ewing dann doch gehen. Sein Spielstil passte nicht nach Europa. Nach einigem Hickhack verpflichteten die Baskets den schon erwähnten Jamel McLean. Es wurde ein Glücksgriff, der die Saison, Kochs Job und den Zusammenhalt im Team rettete. Und der die Fans wieder zurück ins Boot holte.

Mit McLean kam unbändiger Einsatzwille ins Baskets-Team zurück. Schon im ersten Spiel holte er sich bei einer Aktion unter dem Korb einen Nasenbeinbruch. Nur zwei Wochen später stand er mit Gesichtsmaske wieder auf dem Feld. In Trier, als die Saison in die entscheidende Phase ging, zog er sich einen Syndesmosebandriss zu und fiel für Wochen aus. Allerdings kämpfte er sich schneller zurück, als die meisten zu hoffen gewagt hatten. Er riss seine Teamkameraden mit – und die Anhänger. Der „Baskets-Spirit“, der Kampfgeist, dieses „nie aufgeben“ ist es, was die Bonner Anhänger lieben. Es geht nicht um Schönspielerei. Der Einsatz muss da sein. Und wenn dann noch ein ansehnlicher Spielzug dabei rumkommt, umso besser.

Und weil all das funktioniert hatte, weil die Mannschaft alle Rückschläge weggesteckt, sich in die Playoffs und dann in ein fünftes Spiel gegen den Tabellenzweiten der Vorrunde gekämpft hatte, konnten sowohl Fans, als auch Team an diesem Samstagabend zufrieden sein. Natürlich waren die Spieler geknickt. Zu eng war dieses Spiel fünf, zu nah war der Einzug ins Halbfinale. Und auch auf der Tribüne wurde die ein oder andere Träne verdrückt. Am Ende blieb allerdings der Stolz: der Stolz der Fans, auf ein Team, dass es trotz knapper Kassen und zahlreicher Rückschläge geschafft hatte, eine Millionentruppe wie Oldenburg in ein fünftes Spiel zu zwingen. Der Stolz des Teams auf die eigene Leistung und die der Anhänger. Coach Koch formulierte es so: „So etwas gibt es an keinem anderen BBL-Standort. Bei mir überwiegt der Stolz über die Niedergeschlagenheit.“ Fabian Thülig meinte: „Natürlich sind wir jetzt alle ein bisschen geknickt, aber was die 700 Fans hier heute abgeliefert haben, das war einfach großartig.“

Tränen flossen dennoch. Bei Jared Jordan, kurz vor Ende des Spiels mit seinem fünften Foul des Feldes verwiesen. Bei seiner Verlobte Mary-Beth. Bei Andrej Mangold, der erst in Spiel vier nach langer Verletzungspause wieder eingreifen konnte. Bei Chris Ensminger funkelten die Augen ebenfalls, bei seiner Frau Beth flossen die Tränen in Strömen. Benas Veikalas musste seine Söhne und noch viel mehr seine Frau Stacey trösten. Und die Fans auf den Rängen trösteten sich selbst. Sie trösteten und feierten sich und die Mannschaft. Minutenlang. Jeder einzelne bekam sein persönliches Ständchen, das trocknete die Augen zwar nicht, ließ die Mundwinkel aber wieder deutlich gen Sonne zeigen.

Wie es für die Baskets weitergeht ist noch weitgehend unklar. Alle deutschen Spieler haben einen Vertrag für die kommende Saison. Aber weder der Trainer, noch ein einziger der ausländischen Spieler hat bisher mit dem Verein verhandelt. „Nach der Saison“ war die Devise. Ginge es nach den Fans, niemand müsste Bonn verlassen. Sowohl Trainer, als auch das komplette Team kämpfte sich dermaßen in die Herzen, dass sie gerne wiederkommen dürfen. Chris Ensminger wird es vorerst nicht. Coach Koch würde gerne, bewarb sich direkt nach dem Spiel im Interview. Benas Veikalas möchte bleiben, Jared Jordan würde jeder gerne in seinem Team haben. Jamel McLean hat sich ebenfalls in die Herzen der Baskets-Fans gekämpft und auch Kyle Weems kann auf ein mehr als ordentliches erstes Profijahr in Bonn zurück blicken.

Heute haben die Fans erst einmal die Chance, sich vom Team zu verabschieden. Die schon traditionelle Saisonabschlussparty steigt ab 17 Uhr im Foyer des Telekom Domes. Fotos, Interviews, Autogramme und das ein oder andere persönliche Gespräch stehen an. Was danach kommt, wird man sehen. Klar ist, wenn der ein oder andere Schlüsselspieler gehalten werden kann und das Team dann noch sinnvoll ergänzt wird, können sich die Baskets-Anhänger auch in der kommenden Saison wieder über tolle Spiele freuen. Verdient hätten sie es allemal.

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2 Antworten zu “Kampf, Herz und Tränen

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