Die Spirale der Schuld

© Sebastian Derix

Ich glaube, spätestens nach dem heutigen WM-Spiel der deutschen Nationalmannschaft ist die Sache verjährt. Das 4:0 gegen Portugal machte eine Schmach wett, die ich vor zwei Jahren auf mich geladen hatte. Es wird Zeit zu beichten: Ja, ich bin schuld am Ausscheiden der Nationalmannschaft im Halbfinale der EM 2012 gegen Italien. Der ein oder andere mag sich verwundert die Augen reiben. Vielleicht hat auch Mancher schon eine andere Website aufgerufen und gleichzeitig einen Krankenwagen bestellt. Ich erzähle euch die Geschichte:

Beim Mönchengladbacher Lokalradio 90,1 gibt es immer mindestens einen Mitarbeiter, der die Spiele von Welt- und Europameisterschaften bei verschiedenen Public Viewings in der Stadt begleitet. Es gilt Stimmung und Stimmen der Fans einzufangen, Organisatoren zu interviewen und den am wenigsten betrunkenen Zuschauern die klügsten Sätze zu entlocken. Dieser „Public-Viewing-Reporter“ war bei der vergangenen EM ich. Sehr lange. Sehr erfolgreich. Zumindest was die Funktion als Maskottchen für die Nationalelf anging.

Vorrunde und Viertelfinale hatten Jogis Jungs und ich also stets siegreich hinter uns gebracht, als die Anfrage kam, doch auch das Halbfinale gegen Italien zu bearbeiten. Jetzt kam der Fehler: Ich sagte ab, wollte das Spiel privat und mit Freunden gucken. Wie das ausging, wissen wir alle. Italien gewann, ich hatte es vergeigt. Dass ich den gleichen Fehler schon beim Finale der WM zwei Jahre zuvor gemacht hatte, verschweige ich an dieser Stelle.

Zwei Jahre trug ich diese Schande mit mir herum. Niemand schien den Zusammenhang bemerkt zu haben. Das tröstete mich aber nur rudimentär. Dann kam die Bitte, beim deutschen WM-Auftakt gegen Portugal einmal mehr den Hockeypark in Mönchengladbach zum Public Viewing aufzusuchen – „das Übliche halt“. Ich wehrte mich mit Händen, Füßen und allem, was sich sonst noch erfolglos einsetzen ließ, Es half nichts, ich hatte den Job.

Das Ergebnis haben wir alle gesehen. Jogis Jungs machten ihre Aufgabe besonders gut, ich sammelte ein paar extrem starke Gesangseinlagen und WM-Prognosen. Ich hatte etwas gut zu machen. Nach diesem Spiel denke ich, ich habe meine Schuld beglichen. Einen solchen Turnierstart hätte niemand vorhersehen können. Alles ist gut! Ach, übrigens: Ich werde das Samstagspiel gegen Ghana nicht public viewen. Ich will nicht wieder in diese Spirale der Schuld. Dann lieber nach einem 4:0 nach der Vorrunde rausfliegen.

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