Schubert muss gehen und zeigt Größe

Es war abzusehen, dass Andre Schubert nicht länger Trainer bei Borussia Mönchengladbach bleiben würde. Der Kredit bei den Fans war aufgebraucht. Und auch Sportdirektor Max Eberl stand zuletzt nicht mehr zu 100 Prozent hinter seinem leitenden Angestellten Sport. Am Vormittag gab der Verein dann auch offiziell die Trennung bekannt. „In gegenseitigem Einvernehmen“ heißt es bei solchen Gelegenheit gerne. Das bedeutet in der Regel, der Verein hat die Reißleine gezogen. In diesem Fall scheint es anders. Offenbar ist auch der Trainer zu der Einsicht gelangt, dass die Mannschaft einen neuen Input braucht. Das zeigt ein Abschiedsvideo, dass der Verein auf Facebook gepostet hat:

 

Es zeigt einen ganz anderen Andre Schubert als die vergangenen Wochen. Es zeigt sogar einen Schubert, wie er auch in der täglichen Arbeit nicht gesehen wurde. Von Beginn an machte er einen recht dünnhäutigen Eindruck. In Interviews hatte ich oft den Eindruck, als fühle er sich persönlich angegriffen. Es ist schade, dass Schubert bei seinem Abschied zum ersten Mal sympathisch rüberkommt. Vielleicht hätte er bei den Anhängern eine größere Lobby gehabt, wenn er dieses Gesicht häufiger gezeigt hätte.

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Zwei Schweizer ziehen in die Welt

© Sebastian Derix

Bei Borussia Mönchengladbach sind in den vergangenen beiden Tagen wichtige Entscheidungen gefallen. Heute verkündete der Verein den Wechsel des schweizer Nationalspielers Granit Xhaka zu Arsenal London. Schon gestern hatte der ehemalige Cheftrainer Lucien Favre, ebenfalls ein Schweizer, einen neuen Verein gefunden. Er trainiert ab der kommenden Saison den französischen Erstligisten aus Nizza.

Der Wechsel des Gladbacher Kapitäns zeichnete sich lange ab. Dass es Arsenal werden würde, war allerspätestens seit den geleakten Bildern aus der vergangenen Woche ebenfalls klar. Heute meldeten dann beide Vereine Vollzug. „Wir verlieren einen sehr, sehr guten Spieler, aber wir haben mit der erzielten Ablösesumme die Möglichkeit, unsere Mannschaft weiter sinnvoll zu ergänzen“, sagte Borussias Sportdirektor Max Eberl. Im Gespräch sind rund 45 Millionen Euro. Das wäre für die Borussia ein Quantensprung, in der Liga wäre es der zweit-teuerste Transfer nach dem Wechsel von Kevin De Bruyne zu Manchester City.

Gleichzeitig ist es für Xhaka der nächste Schritt in einer Karriere, die ihn vor vier Jahren nach Deutschland führte. Damals hatte die Borussia rund neun Millionen nach Basel überwiesen. Jetzt werden noch einige dazu kommen. Zum einen ist da die von der FIFA festgeschriebene Ausbildungsentschädigung. Außerdem hatte sich der FC Basel beim Verkauf 2012 eine Option zur Beteiligung beim Weiterverkauf gesichert. Schweizer Medien sprechen hier sogar von zehn bis 20 Prozent.

Für Lucien Favre schließlich geht eine Phase ohne tägliche Trainingsarbeit zu Ende. Er wechselt zu OGC Nizza in die erste französische Liga – der Vertrag mit der Borussia wird aufgelöst. Favre kann jetzt eine Mannschaft in seiner Muttersprache führen, außerdm wohnt er in Zukunft an der Côte d’Azur. Sicher kein Hinderungsgrund bei einem Vertragsgespräch, auch wenn der akribische Arbeiter Favre vermutlich in Zukunft nicht faul am Strand liegen wird. Vielmehr wird es seine Aufgabe sein, ein junges Team in der Europa League zu etablieren. Eine Arbeit, die er in Mönchengladbach mit Bravour absolviert hat.

 

Zwei Teams, keine Defense

© Sebastian Derix

Wenn man dieses Blog schon etwas länger verfolgt, wird man bemerkt haben, dass zwei Sportmannschaften meine besondere Aufmerksamkeit zuteil wird. Da ist zum einen die Borussia aus Mönchengladbach im Fußball, auf der anderen Seite stehen die Telekom Baskets, die in Bonn versuchen, einen Ball durch den Basketballkorb zu werfen. Bei beiden Sportarten wird in der Mannschaft gespielt – und das mit einem Ball. Auf den ersten Blick sind damit die Gemeinsamkeiten zwischen beiden Teams auch schon ausgeschöpft.

Man könnte noch ergänzen, dass die sportlich erfolgreichsten Zeiten bei beiden Mannschaft schon länger her sind. Außerdem waren sowohl die Borussia, als auch die Baskets, nach einer starken Vorsaison, mit großen Erwartungen in die neue Spielzeit gestartet. Was dann kam war unterschiedlich. Inzwischen läuft es aber bei keinem der beiden Teams wirklich rund. Und bezeichnend ist, dass vor allem die Verteidigung meinen beiden Mannschaften große Probleme bereitet. Die Borussia hat vor dem großen Derby am Wochenende schon 38 Gegentore kassiert. Das hätte unter Lucien Favre für zwei Spielzeiten gereicht. Und auch bei den Baskets steht der Korb den Gegnern immer wieder offen wie ein Scheunentor.

Beide Mannschaften haben eine offensive Qualität, die locker für das erste Tabellendrittel reicht. Hinten hilft dann aber oft nur der liebe Gott – oder eben auch nicht. Interessant ist, wie die Coaches mit der Situation umgehen. Andre Schubert hat in der Woche vor dem Derby sogar Elfmeter trainieren lassen, stundenlange Defensivübungen standen dagegen nicht auf dem Plan. Bei Carsten Pohl ist das Credo seit seinem Amtsantritt, dass die Verteidigung verbessert werden muss. Daran arbeitet er mit den Baskets seit Wochen.

Und er hat noch eine weiter Woche Zeit, um seine Ideen umzusetzen. Bonn hat an diesem Wochenende spielfrei – für das Finalturnier um den Pokal haben sich die Baskets nicht qualifiziert. Schuberts Borussia steht dagegen vor dem Spiel der Spiele – am Samstag steigt das Derby gegen den 1. FC Köln. Soll nicht das unsägliche passieren und die Borussia zwei Derbys in einer Saison verlieren, dann muss entweder die Abwehr stehen, oder der Fußballgott beim Tore schießen helfen.

 

Warum ich nicht Max Eberl sein möchte

© Sebastian Derix

Zack, schon haben wir eine Trainerdiskussion. Nachdem Lucien Favre in Mönchengladbach das Handtuch geschmissen hatte, installierte Sportdirektor Max Eberl umgehend den U23-Trainer André Schubert als Interims-Trainer bei den Profis. Fetter könnte man das „Interims“ nicht machen, als es Eberl vor ein paar Wochen tat. Schubert sei eine Übergangslösung, wenn auch eine gute. Wie gut sie war, zeigte sich schon im ersten Spiel der Post-Favre-Ära. Die Borussia fertigte Augsburg mit 4:2 ab.

Wie gut sie aber wirklich war, zeigt sich seitdem Woche um Woche von neuem. Die Borussia eilt von Sieg zu Sieg. Einzig in der Champions League gab es einen kleinen Dämpfer. Die Gladbacher verloren zuhause nach einem starken Spiel nur knapp gegen Manchester City. André Schubert hat die alte Borussia aus dem Keller geholt. Die Mannschaft spielt wieder, wie zu besten Favre-Zeiten. Max Eberl konnte im Hintergrund nach einem Favre-Nachfolger suchen und mit Trainer-Kandidaten sprechen.

Und jetzt? Die Stimmen werden lauter, die hinterfragen, ob die perfekte Lösung für die Borussia nicht schon gefunden sei. Bei den Fans steht Schubert seit seinem ersten Sieg hoch im Kurs. Ein Trainer der siegt, kann so verkehrt nicht sein. Das sehen auch Granit Xhaka und Yann Sommer ähnlich. Beide haben schon öffentlich erklärt, dass Schubert sehr gut zur Mannschaft passe – der eine forscher als der andere. Und Max Eberl spielt weiter auf Zeit. Die Trainersuche laufe, es gebe Gespräche, aber keine Verhandlungen. Und er lobt die Zwischenlösung – Schubert mache einen herausragenden Job.

In Eberls Haut zu stecken, könnte zur Zeit schwieriger kaum sein. Natürlich ist es eine komfortable Situation einen Trainer zu suchen, ohne den Druck zu haben, dass das Team vor die Hunde geht. Aber genau da liegt auch die Krux. Wie erklärt man einer Mannschaft und deren Anhängern, dass der Coach, der inzwischen vier Bundesligasiege in Folge aufweisen kann und damit den vereinsinternen Startrekord hält, wieder gehen muss und dass ein anderer Mann künftig das Training leiten soll? Wann ist der richtige Zeitpunkt, einen neuen Mann zu installieren? Oder wann muss man sagen: Diese Interimslösung war so gut, dass sie jetzt zur Dauerlösung wird? Ich möchte die Entscheidung nicht treffen müssen.

Danke, Lucien Favre

© Sebastian Derix

Lucien Favre ist ein Analytiker. Ein Denker. Einer, der versucht, Probleme mit dem Verstand zu lösen. Das gilt insbesondere für diejenigen auf dem Fußballplatz. Er hat eine klare Idee vom Fußball. Seinen Spielern versucht er diese zu vermitteln. Das hat in Mönchengladbach in den vergangenen vier Jahren erstaunlich gut funktioniert. Eine Borussia, die schon fast abgestiegen war, die tot war, holte er aus dem Sumpf. Er schaffte den Klassenerhalt, holte ein Jahr später mit dem Team einen sensationellen vierten Platz. In der vergangenen Spielzeit schaffte die Borussia sogar den Sprung unter die TOP3 der Liga und damit direkt in die Champions League.

Und jetzt das. Wettbewerbsübergreifend starteten die Gladbacher mit sechs Niederlagen in Folge. Nach dem Holperstart im Pokal bei Sankt Pauli gelang der Borussia nichts mehr. Selbst im Derby sahen die Männer von Lucien Favre kein Land. Und Favre keinen Ausweg. Er bot dem Verein seinen Rücktritt an. Der lehnte ab. Max Eberl und das Präsidium teilten dem Trainer mit, er sei weiterhin der perfekte Trainer für die Borussia. Favre sah und sieht das anders. Er ging an die Presse und machte seine Entscheidung öffentlich: „Nach reiflicher Überlegung und eingehender Analyse (sic!) bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Es ist in dieser Situation die beste Entscheidung, mein Amt als Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach niederzulegen.“

Man kann die Entscheidung begrüßen oder sie für falsch halten. Man kann dem Trainer vorwerfen, er stehle sich aus seiner Verantwortung, oder man kann in tiefer Trauer versinken. Was man aber nicht kann, ist, Lucien Favres Leistung in den vergangenen viereinhalb Jahren zu vergessen. Er hat einen riesigen Anteil an der Erfolgsstory der Borussia. Unzählige Gänsehautmomente gehen auch auf sein Konto. Insofern kann die Dankbarkeit diesem Trainer gegenüber kaum größer sein.

Und doch mischt sich eine bittere Träne in den Abschiedswein. Der Alleingang zum Schluss deutet auf Ratlosigkeit hin. Der Trainer scheint überfordert mit der Krisensituation. Die Analysen haben versagt, die Mannschaft ebenfalls. Da bleibt Favre augenscheinlich nur der Alleingang. Teamwork sieht anders aus. Und doch: Vielleicht ist die Borussia nur so zu retten?! Offenbar hatte der Coach seinen Rücktritt schon häufiger angeboten. „Wir haben gehofft, dass wir ihn auch dieses Mal überzeugen können, bei uns und mit uns weiterzumachen. Mit seinem öffentlich gemachten Rücktritt hat er nun Fakten geschaffen, die uns bis ins Mark treffen“, sagte Päsident Rolf Königs. Möglicherweise hat der Kopfmensch Favre jetzt in seinem Herzen gespürt, dass es nicht mehr weiter geht.

Ich möchte mich verneigen vor der Leistung des Trainers Favre. Nichts, aber auch gar nichts habe ich ihm zugetraut, als der Verein ihn seinerzeit als Retter präsentierte. Und noch heute stehe ich staunend vor der neuen Borussia. Champions League. Das ist doch irre. Die vergangenen Wochen schmerzen. Aber hey, wir kommen von genau da her, wo wir jetzt wieder stehen. Das ist doch nicht neu für uns. Wir kommen da wieder raus. Und wir hätten das auch mit Lucien Favre geschafft. Und wenn nicht, dann wären wir mit ihm in die zweite Liga gegangen und gestärkt wieder hoch gekommen. Danke, Lucien Favre. Danke für diese geilen Jahre. Au revoir, Monsieur Favre, jusqu’à la prochaine fois.

So fühlt sich Glück an

© Sebastian Derix

Genau vier Jahre ist es jetzt her, dass die Mönchengladbacher Borussia sich mit ihrem neuen Trainer Lucien Favre gerade noch in die Relegation gerettet hat. Der Schweizer hatte nach der 1:3 Pleite der Gladbacher auf Sankt Pauli Michael Frontzeck beerbt. Unter Favres Führung war die Kletterpartie auf Platz 16 tatsächlich noch geglückt. Viele Fans, mich eingeschlossen, hätten das seinerzeit kaum noch für möglich gehalten.

Da stand ich jetzt also mit mehr als 54.000 anderen Anhängern im ausverkauften Stadion und mein Verein hatte die Chance – in zwei Spielen gegen den VfL Bochum – die Klasse doch noch zu halten. Es war ein Nervenspiel. Beide Teams schenkten sich nichts, allein Tore wollten nicht fallen. In der Schlussphase wurde es dann dramatisch. Die Nachspielzeit lief, kurz vorher hatte Bochum die große Chance auf den Last-Minute-Sieg vergeben. Die letzte Aktion des Spiels wurde dann zum vielleicht größten Moment meines Fan-Daseins bis dahin. Gleich mehrfach verpassten die Borussen direkt vor dem Tor, ehe Igor de Camargo den Ball unter die Latte hämmerte. Der Borussia-Park explodierte förmlich.

Nie zuvor war ich einem Menschen in meinem Fußballerleben so dankbar wie dem belgischen Stürmer in diesem Moment. Die Gefühle, die in so einem Augenblick aus dem Fanherzen ausbrechen und raus geschrieen werden wollen, sind überwältigend. Meisterschaften können nicht so befriedigend sein, wie das Gefühl der Rettung. 34 Spieltage am Abgrund und endlich den Schritt zurück auf den sicheren Grund geschafft. So fühlt sich Glück an.

Was seitdem geschehen ist, fühlt sich kaum schlechter an. Die Borussia hat sich unter Favres Führung und Max Eberls Ägide zu einer Mannschaft gemausert, die um die internationalen Plätze mitspielt. Seit dem vergangenen Wochenende ist klar, dass Mönchengladbach wieder im Konzert der ganz Großen mitspielen darf. Einen Spieltag vor Ende der Saison machten die Borussen die direkte Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League perfekt. Auch so fühlt sich Glück an.

Das alles wäre nicht möglich gewesen, hätte Igor de Camargo nicht vor genau vier Jahren diesen Ball ins Netz befördert. Ende Januar 2013 verließ der Stürmer dann die Borussia gen Hoffenheim, noch im gleichen Jahr ging er zurück in seine belgische Heimat. In den Herzen der Borussia-Fans wird er immer einen Platz haben. Danke Igor!

 

Das Ende eines Missverständnisses

Zwei Tage vor Ende der Transferphase in der Fußball-Bundesliga hat die Gladbacher Borussia ein teures Missverständnis (vorerst) beendet. Luuk de Jong wechselt auf die Insel zu Newcastle United – zunächst auf Leihbasis. Die Briten sicherten sich allerdings eine Kaufoption für den Sommer. Damit wechselt Mönchengladbachs teuerster Einkauf der Bundesligageschichte, ohne jemals die Chance gehabt zu haben, sein Können zu zeigen.

Der Königstransfer von Max Eberl scheint damit ein Reinfall gewesen zu sein. Und doch ist es nicht ganz so einfach. Zwar wollte Eberl den Spieler unbedingt, war von dessen Qualitäten überzeugt, aber auch Trainer Lucien Favre war mit der Verpflichtung des Niederländers einverstanden. Eine echte Chance hatte de Jong aber nicht. Viel zu selten stand er auf dem Platz, meist nur als zweiter oder dritter Einwechselspieler kurz vor Ende des Spiels. Nach der Verpflichtung von Raffael und Max Kruse vor der Saison, sanken seine Chancen auf einen Stammplatz ins Bodenlose.

Aber wer ist Schuld, dass de Jong in Mönchengladbach (vorerst) gescheitert ist? Ist es der Spieler, der sich nicht in das System des Trainers integrieren konnte? Hat der Sportdirektor zu lange um einen Mann gekämpft, der nicht wirklich in das System des Trainers passen konnte? War der Trainer nicht in der Lage oder Willens, einen Spieler in sein System zu integrieren, weil er nicht so recht passte?

Vermutlich ist es ein Stück von allem. Den Spieler trifft allerdings wohl die geringste Schuld. Immer wieder bekannten Trainerteam und sportliche Leitung, dass de Jong professionell arbeite, sich nicht hängen lasse und niemals schlechte Stimmung ins Team gebracht habe. Das ist vorbildlich. Das ist professionell. Und das ist längst nicht mehr alltäglich bei den Profis „von heute“.

Jetzt bekommt er also die Chance, sich auf der Insel zu zeigen. Er kann Spielpraxis sammeln – oder es zumindest versuchen. Und wenn er in England zeigt, was er kann, steht einem endgültigen Wechsel nichts im Wege. Damit dürfte sich dann der finanzielle Verlust der Borussia auch in Grenzen halten. Schafft er den Durchbruch nicht, kommt de Jong im Sommer zurück nach Mönchengladbach. Dann wird man sehen müssen, wie und wo es für ihn weitergeht.