Für immer tief im Herzen

Journalistische Distanz. Eine Sache, deren Fehlen Sportjournalisten gerne vorgeworfen wird. Da werden Fußballer geduzt und mit Skifahrern abends Biere getrunken. Früher wurden sogar Hotels geteilt, wenn nicht gar deren Zimmer.

Und ich bekenne mich schuldig. Auch ich lasse diese Distanz bisweilen vermissen. Zwar glaube ich, sowohl die Leistung meiner Mönchengladbacher Borussia, als auch die der Telekom Baskets einigermaßen objektiv beurteilen zu können, dennoch bleibt das Herzblut sicher nicht auf der Strecke.

Schon gar nicht an Abenden wie gestern. Die Fans der Baskets hatten anlässlich des letzten regulären Saisonspiels des Teams eine Choreo gezaubert, die zwar alleine aufgrund der Zahl der Teilnehmer nicht an die Südkurve der Dortmunder heran reichte, die aber mindestens genauso viel Liebe und Verehrung ausstrahlte, wie der Blick durch das Fernglas auf den Henkelpott.

Gepaart mit der Musik in der Halle, dem kölschen Lied von der Stadt, der Liebe und dem Verein, war diese Aktion der Fans einfach großartig. Gänsehaut pur, auch und vor allem bei manch gestandenem Kollegen und Vereinsoffiziellen. Erst recht bei dem ein oder anderen jungen Spieler. Und bei mir.

Diese Choreo hat berührt. Es gilt Danke zu sagen an alle, die sie organisiert haben. Scheiß auf journalistische Distanz. Dieser Verein wird für immer tief  in meinem Herzen sein. Und das ist auch gut so.

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Schutzschwalbe

Als Igor de Camargo im Sommer 2010 für 4 Millionen Euro an den Niederrhein wechselte, hat er sich mit Sicherheit nicht vorstellen können, an einem kalten Wintertag, knapp anderthalb Jahre später, in Berlin als Buhmann der deutschen Fußballnation am Pranger zu stehen. Und doch kam es so. Doch wie konnte das geschehen? Schauen wir zurück.

De Camargo wechselt mit der Erfahrung von knapp 200 Ligaspielen von Belgien nach Mönchengladbach. Er war kein ausgewiesener Torgarant (traf aber immerhin im Schnitt jedes vierte Spiel), aber auch kein körperliches Wrack, das bei jeder Berührung zusammenbricht. Und vor seiner Zeit in Mönchengladbach sah er nie eine rote Karte im professionellen Fußball. Er spielte solide.

Wie konnte dann also aus dem rechtschaffenden Stürmer der „Betrüger“ de Camargo werden? Entführung durch Außerirdische? Hitzeschlag? Spontaner Milcheinschuss?

Eigentlich ist die Lösung ganz einfach. Der Mann gibt auf sich acht. Gerade mal 31 Spiele hat er für die Borussia absolviert. Und das, bei einer Ablösesumme von schon erwähnten 4 Millionen Euro. De Camargo weiß das. Und um nicht erneut auszufallen und seinem Verein damit auch finanziellen Schaden zuzufügen, versucht er sich zu schützen.

In der vergangenen Saison gegen St. Pauli schützte er noch aktiv – wir erinnern uns an das hinterhältige Foul des Hamburgers Matthias Lehmann, bei dem sich de Camargo hernach erkundigte, ob er noch alle Latten am Zaun habe. Dieser quittierte mit grenzdebilem Kopfschütteln nach vorne und brach zusammen. De Camargo musste duschen gehen. Inzwischen versucht er, passiv gegen die Angriffe seiner Feinde vor zu gehen.

Kommt also zum Beispiel ein wild gewordener (Berliner) Verteidiger hemdsärmelig und wutschnaubend auf ihn zu gerannt, muss de Camargo in der Regel fliehen. Im Pokal-Viertelfinale hat das nicht funktioniert. Wie bei einem Reh, das in die Scheinwerfer der heran nahenden LKW starrt, verharrte der Stürmer wartend.

Erst als der Verteidiger nur noch wenige Zentimeter von ihm entfernt war, fand er seine Bewegungsfähigkeit wieder. Zum weglaufen viel zu spät. Es blieb nur noch eine Lösung. Sofortiges Eingraben im Strafraum. Das wiederum scheiterte an den grausigen Berliner Temperaturen und Bodenverhältnissen – der FC Bayern wäre auf so einem Acker nicht angetreten und auch der BVB hätte sich geweigert auf zu laufen.

Und so konnte de Camargo nur noch dahinsinken, wie vom Blitz getroffen. Schutzhand gibt es nicht, aber das hier war eine Schutzschwalbe. Und wenn man die Bilder noch einmal ganz genau betrachtet, dann sieht man, dass selbst diese Aktion sinnlos war. Der Verteidiger hatte de Camargo schon erwischt. Hinterhältig wie dereinst Jermaine Jones trat er dem Stürmer auf den Fuß. Die Schutzschwalbe hatte versagt.

Wollen wir hoffen, dass es de Camargo gut geht und er sich bei der Aktion nicht noch eine Prellung am Steißbein zugezogen hat – bei dem Boden…eine Schutzschwalbe macht eben noch keinen Sommer.

Abbitte

Ich kann mich kaum erinnern, dass mir mein Fußballverein Saisonübergreifend in so vielen Spielen nacheinander soviel Freude gemacht hat. War es Ende der vergangenen Spielzeit noch die reine Spannung und die Dramatik, die nach dem guten Ausgang die größte Freude verursachte, so ist es jetzt die offensichtliche Freude der Mannschaft am Spiel.

Was habe ich geflucht, dass Lucien Favre Michael Frontzeck auf dem Trainerposten ablöste. Ich wollte das nicht. Ich wäre mit Frontzeck vermutlich in die zweite Liga gegangen. Vor allem, wenn die Alternative der für mich seinerzeit langweiligste Trainer der Welt ist. Was für ein Glück, dass ich keine Ahnung von Fußball habe. Favre rettete meinen Verein zuerst vor dem Abstieg und hat ihm für die neue Saison eine Idee mitgegeben. Das Team ist ein Team. Zusammengeschweißt im Abstiegskampf – und jetzt mit der Bereitschaft für den Mitspieler zu laufen, zu ackern – aber auch mit ihm zu spielen.

Selten hat mich mein Verein mit seiner Spielfreude so überzeugt, wie beim heutigen Spiel gegen den VfL Wolfsburg. Und Trainer Favre bemüht sich am Ende, zu loben, aber niemanden abheben zu lassen. Der kleine Mann sieht in seinem Anzug fast verloren aus, zwischen Sky-Moderator und Borussen-Rakete Reus findet man ihn kaum. Und doch glänzt seine Aura durch. Durch die Interviews nach dem Spiel, vor allem aber durch das Spiel selbst.

Sein Team hat ihn verstanden – und es läuft. Ich muss mich für mein Unwissen bei Trainer Favre entschuldigen. Zwar ist er immer noch nicht die große Stimmungskanone. Allerdings hat er mit seiner besonnenen Art dafür gesorgt, dass ich Freude habe, wenn ich mein Team sehe. Diese Jungs spielen Fußball – und sie scheinen gerne zu spielen. Es ist Zeit, Abbitte zu leisten: Vielen Dank dafür, Lucien Favre!

Wird Zeit…

Die Fußball-Bundesligasaison steht vor den Toren. Das ist gut, zumindest für mich. Ich wurde gerade gezwungen, diesen Fragebogen auszufüllen. Von einem Sport-Guru. Ursprünglich stammt der Fragebogen hierher. Also, auf geht´s.

Dein Verein heißt:

VfL Borussia 1900 Mönchengladbach e.V. – kurz: der geilste Club der Welt

Wie lautet das offizielle Saisonziel, sofern es bekannt ist?

gesichertes Mittelfeld

Wie lautet DEIN Saisonziel für deinen Verein oder deine Vereine?

Deine Vereine? Ich glaub, ich spinne. Saisonziel: langweilige Saison mit möglichst frühem Klassenerhalt

Welchen Spieler hätte deine Mannschaft in der Pause lieber nicht abgegeben?

Könnte ich vielleicht lieber noch zwei bis sieben Spieler mehr abgeben?

Welchen Spieler hätte deine Mannschaft besser verkaufen sollen?

Die oben genannten zwei bis sieben…

Wen hätte deine Mannschaft diese Saison lieber NICHT gekauft?

Das werde ich in sechs Wochen beantworten.

Wer von den neuen Spielern wird deiner Mannschaft am besten helfen?

Ganz schwere Geschichte. Ich nehme Martin Stranzl, auch wenn der schon in der vergangenen Winterpause gekommen ist. Er war ja schließlich ein Vorgriff auf die neue Saison.

Wie wirst du in dieser Saison deine Mannschaft unterstützen?

Mit Mann und Maus – und Kohle.

Wie findest du das neue Trikot Deiner Mannschaft?

Zu bunt.

Welcher Stürmer wird die Torjägerkanone holen?

Ich hoffe, es wird wieder Mario Gomez. Er würde meinem kicker-Managerteam damit einen großen Gefallen tun. Auf Platz zwei darf dann aber gleich ein beliebiger Spieler meiner Mannschaft kommen.

Welcher Trainer wird als erstes gefeuert?

Stale Solbakken, der macht sich keine Freunde beim … Dings, hier, Stadt mit der großen Kirche…

Welche Mannschaft wird das erste Tor der Saison schießen?

Lüdenscheid-Nord

Welche Mannschaften SOLLTEN absteigen?

VfL Wolfsburg, 1899 Hoppenheim

Welche Mannschaft wird Meister?

Ich fürchte, in diesem Jahr führt nichts an den Bayern vorbei.

Wenn du nicht im Stadion bist, wo wirst du die Spiele sehen?

Vermutlich im Fernsehen?

Wie sehr vermisst du die Bundesliga auf einer Skala von 1 bis 10 – wobei bei 1 so ziemlich keine Träne nach der Bundesliga verdrückt wird und 10 quasi bedeutet, dass du ernste Entzugserscheinungen hast?

Wann genau? Jetzt? 12!

Wird es eine spannende Saison für Deine Mannschaft?

Leider ja.

Kein Tiger im Fohlenstall

Es sollte der große Umbruch bei Borussia Mönchengladbach werden. Stefan Effenberg, der Tiger, der Effe, der Heilsbringer vergangenen Tage, wollte an die Macht. Die so genannte „Initiative Borussia“ hatte ihn als Zugpferd erkoren, um die Fohlen in eine bessere Zukunft zu führen. Und Effe war – natürlich – gleich dabei. Als Sky-Experte hatte er sich schließlich schon seit Monaten ein Bild von den Führungsstrukturen bei der Borussia machen können. Da muss sich was ändern, das ist klar. Und das kann er, ändern.

Das Problem an der Geschichte war nur: Effe – und die komplette Initiative – hatten keine echten Inhalte zu bieten. Alles sollte besser werden – nur wie? Offensichtlich wusste das keiner so genau. Oder es wollte keiner verraten. Was allerdings blöd war, denn auf der Jahreshauptversammlung ging die ganze schöne Idee völlig in die Hose. Lediglich 7,1% der anwesenden Mitglieder wolltem dem Tiger in seinem Kampf gegen Präsident Königs helfen. Antrag abgeschmettert.

Effe war beleidigt. Schon vorher. Als sich abzeichnete, dass die Chancen auf einen Sieg nur sehr gering sein würden, versuchte er Druck zu machen. „Jetzt oder nie!“ war das Motto – sollten die Mitglieder doch sehen, was sie davon hätten, ihn nicht zu wählen. Viel schlimmer wurde es aber, als die Entscheidung dann durch war. Als hätte es sie nie gegeben, versucht die Initiative ihre Spuren zu verwischen. Nur wenige Minuten nach der Absage der Mitglieder an die potentiellen Reformer, war ihre Website plötzlich verschwunden.

Scheiß Verlierer.

Oder doch alles nur ne Ente?

Verlängerung

Im Winter war die Saison eigentlich schon gelaufen. Grausame zehn Punkte hatte das Team vom damaligen Trainer Michael Frontzeck gesammelt. Lange durfte die „Kontinuität“ bleiben, der Erfolg kam aber erst, als sie gegangen war. Mit Lucien Favre an der Seitenlinie schaffte die Borussia aus Mönchengladbach eine Aufholjagd, mit der wohl niemand mehr gerechnet und an die wohl kaum noch jemand geglaubt hatte. Schlussendlich landete das Team am letzten Spieltag auf dem Relegationsplatz – und darf damit weiter auf den Klassenverbleib hoffen. Es geht in die Verlängerung.

Klar, der Bundesligist gilt immer als der, der das Spiel machen muss, als Favorit. Klar ist aber auch, dass ein Tabellensechzehnter nicht zum Spaß im Keller steht. Und ein Tabellendritter, auch der zweiten Liga, hat einen Lauf. Und trotzdem muss die Borussia den Anspruch haben, diese Relegation zu überstehen. Wenn eine Mannschaft – längst tot geglaubt – eine solche Serie hinlegen kann, dann muss sie sich auch gegen einen, wenn auch guten, Zweitligisten behaupten.

Lucien Favre hat mit seiner unaufgeregten Art – manche, ich auch, haben gesagt: Der Mann ist langweilig – dem Team neues Selbstvertrauen gegeben. Er scheint die Mannschaft, mit seiner Idee Fußball zu spielen, erreicht zu haben. Und die Jungs haben es verstanden, die Ideen umzusetzen. Abgesehen von der zweiten Hälfte in Hamburg war die Verunsicherung aus den Frontzeck Zeiten kaum mehr zu erkennen. Und genau das ist der Grund, warum auch der Klassenverbleib möglich ist. Die Spieler wissen inzwischen, was sie zusammen erreichen können. Sie werden rennen bis zum Ende – zum erfolgreichen.