Jetzt gilt es

© Sebastian Derix

In Bamberg zu gewinnen, wird nicht die erste Priorität von Telekom Baskets-Trainer Carsten Pohl gewesen sein. Ihm konnte es nur darum gehen, eine mögliche Niederlage in Grenzen zu halten. Außerdem sollten sich nach Möglichkeit keine weiteren Verletzungen ins Team schleichen. Zumal die Baskets in Bamberg nicht nur auf die beiden Langzeitverletzten, sondern auch auf den seit Wochen angeschlagenen Andrej Mangold verzichten mussten. Der beste Bonner Verteidiger wurde wegen seiner Knieprobleme geschont. Florian Koch lief trotz einer Magen-Darm-Erkrankung auf – sicher auch nicht im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte.

Insofern war der Bonner Trainer schon vor dem Spiel realistisch. Zudem zeigten sich die Brose Baskets einigermaßen gnädig und gingen nur das Tempo, dass gegen schwache Bonner nötig war. Am Ende beließen sie es bei einem 109:72 – die höchste Saisonniederlage der Baskets. Hätte der Deutsche Meister weiter Vollgas gegeben, wären die Gäste wohl auf dem Zahnfleisch ins Ziel gekommen. Viel mehr war aber auch so nicht übrig. Das Team rettete sich auf der letzten Rille in die zweiwöchige Spielpause.

Jetzt zählt´s also. Ob Yancy Gates oder doch ein anderer – die Nachverpflichtung auf der Center-Position muss so schnell wie möglich kommen, damit die Integration ins Team beginnen kann. Wollen die Baskets auch auf der Postition drei ernsthaft noch nachlegen, dann ist jetzt die Zeit gekommen. Zudem will Isaiah Philmore in einer Woche wieder ins Mannschaftstrainig einsteigen, um im Spiel gegen Ulm wieder auf dem Parkett zu stehen. Bei Tadas Klimavicius wird bis zur Genesung noch eine ganze Menge Wasser den Rhein runter fließen.

Coach Pohl kann jetzt zeigen, dass er der richtige Mann für den Job ist. Er hat jetzt die Zeit dazu. Er muss den BasketsSpirit zurück aufs Parkett bringen. Zwei Wochen sind dafür nicht viel. In einer laufenden Saison kann es aber kaum eine längere Auszeit geben. Die Baskets können von Glück sagen, dass sie keinen Spieler für das Show-Wochenende in Bamberg abstellen müssen. Das gibt die Möglichkeit, den Jungs ein paar freie Tage zu gönnen, damit sie die Köpfe frei bekommen.  Die Saison ist jetzt in ihrer entscheidenden Phase. In den kommenden beiden Wochen werden die Weichen gestellt auf Abstiegskampf oder sicheren Verbleib in der Liga. Von den Playoffs träumen in Bonn wohl nur noch die Optimistischsten.

 

 

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So fühlt sich Glück an

© Sebastian Derix

Genau vier Jahre ist es jetzt her, dass die Mönchengladbacher Borussia sich mit ihrem neuen Trainer Lucien Favre gerade noch in die Relegation gerettet hat. Der Schweizer hatte nach der 1:3 Pleite der Gladbacher auf Sankt Pauli Michael Frontzeck beerbt. Unter Favres Führung war die Kletterpartie auf Platz 16 tatsächlich noch geglückt. Viele Fans, mich eingeschlossen, hätten das seinerzeit kaum noch für möglich gehalten.

Da stand ich jetzt also mit mehr als 54.000 anderen Anhängern im ausverkauften Stadion und mein Verein hatte die Chance – in zwei Spielen gegen den VfL Bochum – die Klasse doch noch zu halten. Es war ein Nervenspiel. Beide Teams schenkten sich nichts, allein Tore wollten nicht fallen. In der Schlussphase wurde es dann dramatisch. Die Nachspielzeit lief, kurz vorher hatte Bochum die große Chance auf den Last-Minute-Sieg vergeben. Die letzte Aktion des Spiels wurde dann zum vielleicht größten Moment meines Fan-Daseins bis dahin. Gleich mehrfach verpassten die Borussen direkt vor dem Tor, ehe Igor de Camargo den Ball unter die Latte hämmerte. Der Borussia-Park explodierte förmlich.

Nie zuvor war ich einem Menschen in meinem Fußballerleben so dankbar wie dem belgischen Stürmer in diesem Moment. Die Gefühle, die in so einem Augenblick aus dem Fanherzen ausbrechen und raus geschrieen werden wollen, sind überwältigend. Meisterschaften können nicht so befriedigend sein, wie das Gefühl der Rettung. 34 Spieltage am Abgrund und endlich den Schritt zurück auf den sicheren Grund geschafft. So fühlt sich Glück an.

Was seitdem geschehen ist, fühlt sich kaum schlechter an. Die Borussia hat sich unter Favres Führung und Max Eberls Ägide zu einer Mannschaft gemausert, die um die internationalen Plätze mitspielt. Seit dem vergangenen Wochenende ist klar, dass Mönchengladbach wieder im Konzert der ganz Großen mitspielen darf. Einen Spieltag vor Ende der Saison machten die Borussen die direkte Qualifikation für die Gruppenphase der Champions League perfekt. Auch so fühlt sich Glück an.

Das alles wäre nicht möglich gewesen, hätte Igor de Camargo nicht vor genau vier Jahren diesen Ball ins Netz befördert. Ende Januar 2013 verließ der Stürmer dann die Borussia gen Hoffenheim, noch im gleichen Jahr ging er zurück in seine belgische Heimat. In den Herzen der Borussia-Fans wird er immer einen Platz haben. Danke Igor!

 

Verlängerung

Im Winter war die Saison eigentlich schon gelaufen. Grausame zehn Punkte hatte das Team vom damaligen Trainer Michael Frontzeck gesammelt. Lange durfte die „Kontinuität“ bleiben, der Erfolg kam aber erst, als sie gegangen war. Mit Lucien Favre an der Seitenlinie schaffte die Borussia aus Mönchengladbach eine Aufholjagd, mit der wohl niemand mehr gerechnet und an die wohl kaum noch jemand geglaubt hatte. Schlussendlich landete das Team am letzten Spieltag auf dem Relegationsplatz – und darf damit weiter auf den Klassenverbleib hoffen. Es geht in die Verlängerung.

Klar, der Bundesligist gilt immer als der, der das Spiel machen muss, als Favorit. Klar ist aber auch, dass ein Tabellensechzehnter nicht zum Spaß im Keller steht. Und ein Tabellendritter, auch der zweiten Liga, hat einen Lauf. Und trotzdem muss die Borussia den Anspruch haben, diese Relegation zu überstehen. Wenn eine Mannschaft – längst tot geglaubt – eine solche Serie hinlegen kann, dann muss sie sich auch gegen einen, wenn auch guten, Zweitligisten behaupten.

Lucien Favre hat mit seiner unaufgeregten Art – manche, ich auch, haben gesagt: Der Mann ist langweilig – dem Team neues Selbstvertrauen gegeben. Er scheint die Mannschaft, mit seiner Idee Fußball zu spielen, erreicht zu haben. Und die Jungs haben es verstanden, die Ideen umzusetzen. Abgesehen von der zweiten Hälfte in Hamburg war die Verunsicherung aus den Frontzeck Zeiten kaum mehr zu erkennen. Und genau das ist der Grund, warum auch der Klassenverbleib möglich ist. Die Spieler wissen inzwischen, was sie zusammen erreichen können. Sie werden rennen bis zum Ende – zum erfolgreichen.