Danke, Lucien Favre

© Sebastian Derix

Lucien Favre ist ein Analytiker. Ein Denker. Einer, der versucht, Probleme mit dem Verstand zu lösen. Das gilt insbesondere für diejenigen auf dem Fußballplatz. Er hat eine klare Idee vom Fußball. Seinen Spielern versucht er diese zu vermitteln. Das hat in Mönchengladbach in den vergangenen vier Jahren erstaunlich gut funktioniert. Eine Borussia, die schon fast abgestiegen war, die tot war, holte er aus dem Sumpf. Er schaffte den Klassenerhalt, holte ein Jahr später mit dem Team einen sensationellen vierten Platz. In der vergangenen Spielzeit schaffte die Borussia sogar den Sprung unter die TOP3 der Liga und damit direkt in die Champions League.

Und jetzt das. Wettbewerbsübergreifend starteten die Gladbacher mit sechs Niederlagen in Folge. Nach dem Holperstart im Pokal bei Sankt Pauli gelang der Borussia nichts mehr. Selbst im Derby sahen die Männer von Lucien Favre kein Land. Und Favre keinen Ausweg. Er bot dem Verein seinen Rücktritt an. Der lehnte ab. Max Eberl und das Präsidium teilten dem Trainer mit, er sei weiterhin der perfekte Trainer für die Borussia. Favre sah und sieht das anders. Er ging an die Presse und machte seine Entscheidung öffentlich: „Nach reiflicher Überlegung und eingehender Analyse (sic!) bin ich zu der Erkenntnis gekommen: Es ist in dieser Situation die beste Entscheidung, mein Amt als Cheftrainer bei Borussia Mönchengladbach niederzulegen.“

Man kann die Entscheidung begrüßen oder sie für falsch halten. Man kann dem Trainer vorwerfen, er stehle sich aus seiner Verantwortung, oder man kann in tiefer Trauer versinken. Was man aber nicht kann, ist, Lucien Favres Leistung in den vergangenen viereinhalb Jahren zu vergessen. Er hat einen riesigen Anteil an der Erfolgsstory der Borussia. Unzählige Gänsehautmomente gehen auch auf sein Konto. Insofern kann die Dankbarkeit diesem Trainer gegenüber kaum größer sein.

Und doch mischt sich eine bittere Träne in den Abschiedswein. Der Alleingang zum Schluss deutet auf Ratlosigkeit hin. Der Trainer scheint überfordert mit der Krisensituation. Die Analysen haben versagt, die Mannschaft ebenfalls. Da bleibt Favre augenscheinlich nur der Alleingang. Teamwork sieht anders aus. Und doch: Vielleicht ist die Borussia nur so zu retten?! Offenbar hatte der Coach seinen Rücktritt schon häufiger angeboten. „Wir haben gehofft, dass wir ihn auch dieses Mal überzeugen können, bei uns und mit uns weiterzumachen. Mit seinem öffentlich gemachten Rücktritt hat er nun Fakten geschaffen, die uns bis ins Mark treffen“, sagte Päsident Rolf Königs. Möglicherweise hat der Kopfmensch Favre jetzt in seinem Herzen gespürt, dass es nicht mehr weiter geht.

Ich möchte mich verneigen vor der Leistung des Trainers Favre. Nichts, aber auch gar nichts habe ich ihm zugetraut, als der Verein ihn seinerzeit als Retter präsentierte. Und noch heute stehe ich staunend vor der neuen Borussia. Champions League. Das ist doch irre. Die vergangenen Wochen schmerzen. Aber hey, wir kommen von genau da her, wo wir jetzt wieder stehen. Das ist doch nicht neu für uns. Wir kommen da wieder raus. Und wir hätten das auch mit Lucien Favre geschafft. Und wenn nicht, dann wären wir mit ihm in die zweite Liga gegangen und gestärkt wieder hoch gekommen. Danke, Lucien Favre. Danke für diese geilen Jahre. Au revoir, Monsieur Favre, jusqu’à la prochaine fois.

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Das Ende eines Missverständnisses

Zwei Tage vor Ende der Transferphase in der Fußball-Bundesliga hat die Gladbacher Borussia ein teures Missverständnis (vorerst) beendet. Luuk de Jong wechselt auf die Insel zu Newcastle United – zunächst auf Leihbasis. Die Briten sicherten sich allerdings eine Kaufoption für den Sommer. Damit wechselt Mönchengladbachs teuerster Einkauf der Bundesligageschichte, ohne jemals die Chance gehabt zu haben, sein Können zu zeigen.

Der Königstransfer von Max Eberl scheint damit ein Reinfall gewesen zu sein. Und doch ist es nicht ganz so einfach. Zwar wollte Eberl den Spieler unbedingt, war von dessen Qualitäten überzeugt, aber auch Trainer Lucien Favre war mit der Verpflichtung des Niederländers einverstanden. Eine echte Chance hatte de Jong aber nicht. Viel zu selten stand er auf dem Platz, meist nur als zweiter oder dritter Einwechselspieler kurz vor Ende des Spiels. Nach der Verpflichtung von Raffael und Max Kruse vor der Saison, sanken seine Chancen auf einen Stammplatz ins Bodenlose.

Aber wer ist Schuld, dass de Jong in Mönchengladbach (vorerst) gescheitert ist? Ist es der Spieler, der sich nicht in das System des Trainers integrieren konnte? Hat der Sportdirektor zu lange um einen Mann gekämpft, der nicht wirklich in das System des Trainers passen konnte? War der Trainer nicht in der Lage oder Willens, einen Spieler in sein System zu integrieren, weil er nicht so recht passte?

Vermutlich ist es ein Stück von allem. Den Spieler trifft allerdings wohl die geringste Schuld. Immer wieder bekannten Trainerteam und sportliche Leitung, dass de Jong professionell arbeite, sich nicht hängen lasse und niemals schlechte Stimmung ins Team gebracht habe. Das ist vorbildlich. Das ist professionell. Und das ist längst nicht mehr alltäglich bei den Profis „von heute“.

Jetzt bekommt er also die Chance, sich auf der Insel zu zeigen. Er kann Spielpraxis sammeln – oder es zumindest versuchen. Und wenn er in England zeigt, was er kann, steht einem endgültigen Wechsel nichts im Wege. Damit dürfte sich dann der finanzielle Verlust der Borussia auch in Grenzen halten. Schafft er den Durchbruch nicht, kommt de Jong im Sommer zurück nach Mönchengladbach. Dann wird man sehen müssen, wie und wo es für ihn weitergeht.