Eine Woche danach

© Sebastian Derix

Vor genau einer Woche sitzen wir völlig durchnässt im Auto und fahren von Mendig aus wieder in Richtung Bonn. Nach einem kurzen Abstecher zu Rock am Ring, der mit einem Unwetter mit auf dem Festivalgelände einschlagenden Blitzen vorerst zu Ende gegangen war, ist uns noch nicht bewusst, wie viel Glück wir einmal mehr hatten. Nachdem ein ähnliches Unwetter auch im vergangenen Jahr den Freitag beendet und für mehr als 30 Verletzte gesorgt hatte, konnte man allerdings schon ahnen, dass auch in diesem Jahr nicht alle mit heiler Haut davon gekommen sein können.

Nach und nach trudelten die Zahlen ein. Offiziell sind es zunächst acht, später knapp 50, am Ende gar mehr als 70 Verletzte. Mehrere von ihnen mussten reanimiert werden. Ein Besucher liegt auch heute noch auf der Intensivstation, berichtet die Rhein Zeitung aus Koblenz. Sein Zustand sei weiter kritisch, sagte Veranstalter Marek Lieberberg der Zeitung.

Gleichzeitig erheben immer mehr Menschen zum Teil schwere Vorwürfe gegen Lieberberg. Er habe das Festival zu spät unter- und abgebrochen. Der Veranstalter wehrt sich: Sobald die Anweisung von den Behörden gekommen sei, das Konzert zu beenden, habe er dem Folge geleistet – auch wenn er es bis heute für die falsche Entscheidung hält.

Fakt ist: Ein Gewitter, noch dazu ein solches, kann niemand punktgenau vorhersagen, vor allem nicht Stunden im Voraus. Laut dem Meteorologen Jörg Kachelmann hatte sein Kollege vor Ort den Veranstalter um kurz nach halb acht vor dem aufziehenden Unwetter gewarnt. Das Konzert von Tenacious D sollte um 19.50 Uhr starten. Das tat es nicht, stattdessen kamen die Durchsagen, dass die Besucher das Gelände verlassen und sich in Sicherheit bringen sollen.

Dass der Weg zum Auto durch die Matschwüste zum Spießrutenlaufen würde, war kurz danach abzusehen, als das Gewitter los brach. Blitze und Donner gleichzeitig. Regen, der einen Weltenbrand hätte löschen können. Innerhalb einer Minute gab es keine trockene Stelle mehr an meinem Körper – und ich habe viel Körper. Ich persönlich glaube nicht, dass das Festival zu spät abgebrochen wurde. Vielmehr hätte man es vermutlich gar nicht erst starten sollen. Spätestens seit Mittwoch war klar, dass sich an der (Un-)Wetterlage bis zum Wochenende nicht viel ändern würde. Das Gelände versank im Schlamm, Autos blieben stecken.

Natürlich wären die Fans sauer gewesen, natürlich wäre der finanzielle Schaden immens gewesen. Aber es wären nicht über 70 Besucher verletzt worden. Es war das zweite Mal bei seiner zweiten Auflage in Mendig, dass Rock am Ring unter keinem guten Stern stand. Sicher, das waren beides Extremwetterlagen, die niemand vorhersehen kann. Aber vielleicht ist diese riesige ebene Fläche des Flugplatzes einfach doch nicht geeignet für ein Festival dieser Art und Größe. Vielleicht bietet sie zuviel Angriffsfläche für und zu wenig Schutz vor Wetter jeder Art. Marek Lieberberg wird sich seine Gedanken machen.

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Der erste Rock ohne Ring

© Sebastian Derix

Das hier sollte eine unsentimentale Abrechnung mit dem Umzug von Rock am Ring auf den Flugplatz in Mendig werden. Ich sage es gleich: Das wird nix! 29 Jahre Nürburgring hinterlassen einfach ihr Spuren. Eine Center Stage mit der Nürburg im Hintergrund hat vom Panorama eindeutig gewonnen gegen zwei Bühnen mit lange nichts und dann einem Hangar. Das Flair der Rennstrecke war einzigartig. Die unendlichen Weiten des Flugplatzes in Mendig müssen das erst lernen.

Das soll nicht heißen, dass das neue Rock am Ring schlecht ist. Im Gegenteil. Das Gelände scheint in seiner Größe nahezu ideal für 90.000 Menschen, die ein Wochenende lang verschiedenste Bands feiern wollen. Vor den Toren der Kleinstadt Mendig mit ihren noch nicht einmal 9.000 Einwohnern entstand eine Großstadt. Sieht man von einigen Problemen im Bereich des Campings ab, war das Festival hervorragend organisiert – und das bei seiner ersten Ausgabe. Das Team Lieberberg/Pauls hat mit Mendig zusammen eine starke Leistung abgeliefert.

Stark waren auch die Bands. Bei denen, die ich gesehen habe, gab es keine, die sich hat hängen lassen und nur ihr Standardprogramm abgeliefert hat. Das ging von den Mighty Oaks, über Clueso, natürlich die Hosen, die ganz eng mit Familie Lieberberg verbunden sind, bis hin zu Slash, den Beatsteaks oder The Prodigy usw. usf.. Es schien eine Aufbruchsstimmung auch unter den Künstlern zu herrschen. Alle wollten dem neuen Schauplatz einen gebührenden Empfang bereiten.

Nicht ins Bild des Festivals passte die Nacht zum Samstag, als mindestens zwei Blitze das Konzertgelände trafen. 33 Menschen wurden dabei verletzt. Sie alle sollen inzwischen wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden sein. Zwei Gewitterfronten hatten das Gelände mit voller Wucht getroffen. Auf einer Freifläche von der Größe eines Flughafens eine eher unpraktische Geschichte. Große Schutzmöglichkeiten gab es nicht – von den Konzertzelten für rund 16.000 Zuschauer einmal abgesehen. Dass Fritz Kalkbrenner mit dem Abbruch seines Sets nicht wirklich glücklich war, konnte man eindeutig hören. Man hätte ihm vielleicht früher sein Mikro abdrehen sollen. Dass es richtig war, das Konzert spätestens zu diesem Zeitpunkt zu beenden, steht selbstverständlich außer Frage.

Ein Fazit zu ziehen ist nicht leicht. Das neue Gelände ist top, die Wege für die meisten Camper sind deutlich kürzer als am Nürburgring. Dafür muss die Organisation auf den Plätzen noch deutlich verbessert werden – ein Festivalgelände muss erst gelernt werden, sagt auch die Veranstaltercrew. Mendig hat eine ehrliche Chance verdient, es hat sie sich erarbeitet. Viele Menschen waren mit Herzblut dabei, Mendig bemüht sich, ein rheinland-pfälzisches Wacken zu werden. Ob das in den nächsten Jahren gelingt, wird sich zeigen. Der erste Schritt war ein  guter.